Untersuchung: Windenergie auch in Wäldern «behutsam» nutzbar

22.03.2021 Klimaschutz befürwortet jeder. Wenn ein Windrad direkt in die eigene Nähe kommen soll, nimmt die Begeisterung aber oft ab. Ein besonderes Reizthema: der Zubau in Wäldern. Dieser sei in gewissen Grenzen möglich, sagt die Branche - aber Naturschutz-Bedenken bleiben.

Olaf Lies (SPD) spricht im niedersächsischen Landtag. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

Die vorsichtige Nutzung von Windkraft auch in Waldgebieten könnte laut einer Branchenuntersuchung den nötigen Zubau an Anlagen im wichtigsten Erzeugerland Niedersachsen umweltgerecht ergänzen. Dieses Bild zeichnet eine Analyse, die der Landesverband Erneuerbare Energien Niedersachsen-Bremen (LEE) am Montag an Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD) übergab. «Wir haben das Potenzial, Klimaschutz voranzutreiben», sagte LEE-Chefin Bärbel Heidebroek. Sie stellte klar, dass es in der Regel um Flächen etwa in Nutzforsten gehe, keinesfalls um Mischwald oder gar Schutzgebiete.

Lies gab sich grundsätzlich offen dafür. «Wald und Wind» müssten keine Konkurrenz, sondern könnten eine gegenseitige Ergänzung beim Klimaschutz sein. Natürlich müsse man jedoch darauf achten, dass Natur- und Artenschutzregeln weiterhin berücksichtigt werden.

Seit längerem herrscht ein Zielkonflikt zwischen dem klimapolitisch erforderlichen Ausbau mit neuen und dem Ersatz alter Windräder auf der einen Seite sowie Bedenken von Natur- und Landschaftsschützern auf der anderen Seite. Heidebroek sagte zum Umfang des Ausbaus in Niedersachsen, dem Bundesland mit der größten installierten Kapazität: «Wir brauchen mindestens 2,1 Prozent der Landesfläche ab 2030 für die Windenergie, um die Klimaschutzziele zu schaffen.»

Besonders umstritten ist die Errichtung großer Windräder in Wäldern. In der Analyse des Branchendienstleisters Nefino heißt es, dass dort - ohne Einschluss von Schutzgebieten - bis zu 3,7 Prozent der Fläche «behutsam» nutzbar wären, wenn Wohnsiedlungen mindestens 800 Meter und Einzelhäuser mindestens 500 Meter entfernt sind. Das zugehörige Potenzial ist demnach besonders in den Kreisen Celle und Uelzen groß. Insgesamt ließe sich der landesweite Flächenanteil für die Windkraft durch Mitnutzung von Wäldern auf bis zu 2,5 Prozent erhöhen, hieß es.

Am Dienstag soll in Hannover ein neuer Windenergie-Erlass ins Kabinett kommen. Lies bekräftigte: Wenn die durch Atomausstieg bis 2022 und Kohleausstieg bis spätestens 2038 wegfallenden Strommengen ersetzt werden sollen, müsse der Windkraftausbau jetzt energisch vorangehen. Das novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei dafür «ein kleiner, wichtiger Schritt» gewesen. Lies ergänzte: «Ich hätte mir gewünscht, der Schritt wäre etwas größer geworden.»

Auch bei vielen Anwohnern ist der Windkraft-Zubau umstritten. Zunächst war eine feste Abstandsregel von einem Kilometer zwischen Anlagen und Wohnbebauung vorgesehen gewesen, was Kritik an den Vorstellungen des Bundes ausgelöst hatte. Die Länder haben nun mehr Spielraum zur Auslegung und Ergänzung eigener Regeln. Dabei müssten freilich weiter Lösungen gelingen, um die Geräusche der Anlagen aus Wohngebieten möglichst herauszuhalten und das Landschaftsbild («optisch bedrängende Wirkung») möglichst zu erhalten, sagte Lies. Zwischen Klima- und Naturschutz müssten aber weitere Kompromisslinien ausgelotet werden: «Auch dort werden wir ran müssen.»

Das sogenannte Offenland-Potenzial - die mögliche Windkraftfläche außerhalb von Wäldern - schätzt die Untersuchung für Niedersachsen nach Berücksichtigung von «Tabu-Flächen» bei theoretisch 19,8 Prozent ein. «Wenn substanziell Raum geschaffen werden soll, müssten davon 10 Prozent ab 2030 ausweisbar sein», sagte Nefino-Mitgründer Jan-Hendrik Piel. «Das wären also etwa 2 Prozent der Flächen Niedersachsens.»

Bei der Annahme von 800 Metern Entfernung zu Wohnsiedlungen und 500 Metern zu Einzelhäusern sinkt das Gesamt-Flächenpotenzial auf etwas mehr als 10 Prozent. In dieser Rechnung ergäben sich laut Analyse vor allem in den Kreisen Rotenburg (Wümme) und Wolfenbüttel weitere Ausbaumöglichkeiten. Bei je 800 Metern Abstand zu beiden Bebauungsarten sinkt das Flächenpotenzial auf 5,25 Prozent.

2020 steckte der Windkraft-Ausbau in Niedersachsen weiter in der Krise. Landesweit wurden nur 48 neue Anlagen errichtet, während gleichzeitig 34 Anlagen zurückgebaut wurden. Nur acht alte Anlagen wurden durch neue mit stärkerer Leistung («Repowering») ersetzt.

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